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Nachhilfe: von Migranten für Migranten Print E-mail
Dienstag, 19 Juni 2007

WDR, Servicezeit: Familie, Sendung vom 13. Juni 2007

Von Lisa Vieth

Nicht nur Arbeit, auch Vergnügen, …

… ein Prinzip, das mit Sicherheit auch zum Erfolg des Projektes beiträgt. „Wir machen nicht nur Hausaufgabenbetreuung, sondern treffen uns mit den Kindern auch in der Freizeit“, erzählt der Diplomingenieur, „wir führen an Wochenenden gemeinsam Veranstaltungen durch – unternehmen etwas, Schlittschuhlaufen, Theaterbesuche, Dinge, die die Kinder mögen. Und dadurch entsteht eine Beziehung.“


Murat Vural steckt seine Energie nicht nur in sein persönliches Fortkommen, sondern widmet viel Zeit, Engagement und Kreativität einem ehrenamtlichen Selbsthilfeprojekt. Mit dem von ihm gegründeten „Interkulturellen Bildungs- und Förderverein für Schüler und Studenten“ (IBFS) unterstützt er Migrantenkinder mit Schulproblemen. Und das mittlerweile an sieben Schulen in mehreren Städten des Ruhrgebiets. Sein Motto: Integration durch Bildung.

Sie heißen Burak, Nazim, Enis oder Yasemin

Zwei türkischstämmige Jungen beim Erledigen der Hausaufgaben; Rechte WDR (TV-Bild)Janusz-Korczak-Gesamtschule in Castrop-Rauxel am Donnerstagnachmittag: Ab 17.00 Uhr darf der Verein von Murat Vural den Schulpavillon nutzen. Bis 21.00 Uhr pauken hier 80 Kinder Mathe, Physik oder Deutsch. Sie kommen aus der Gesamtschule und einer benachbarten Grundschule. Die Zeit hier verbringen sie freiwillig. Und offenbar haben sie dabei auch noch ihren Spaß.

Sie alle kämpfen mit kleineren oder größeren Schwierigkeiten in der Schule. Und sie alle sind türkischer Herkunft. Hier bekommen sie Unterstützung, können ihre Hausaufgaben erledigen, bekommen Nachhilfe in Problemfächern oder einen Crashkurs kurz vor der nächsten Klassenarbeit.

Ihre Lehrer sind überwiegend türkische Doktoranden, Diplomanden oder Studenten. Sie wissen, welche Hürden Kinder von Migranten überwinden müssen und wie schwer es für sie ist, gesellschaftliche und berufliche Perspektiven zu entwickeln.

Nachholbedarf in der Bildungspolitik

In kaum einem anderen Industrieland schneiden Kinder mit einem Migrationshintergrund in den schulischen Leistungen schlechter ab als in Deutschland: Das ergab eine Sonderauswertung der Pisa-Studie. Und der UN-Menschenrechtsinspektor Vernor Muñoz rügte nach einem Deutschlandbesuch das dreigliedrige Schulsystem von Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Durch seine frühe Aufteilung benachteilige es besonders Kinder aus armen Elternhäusern und aus Migrantenfamilien.

Knapp ein Fünftel der Schüler in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. An Haupt- und Sonderschulen sind sie überrepräsentiert, nur relativ wenige von ihnen besuchen ein Gymnasium. Die Wahrscheinlichkeit, eine Klasse wiederholen zu müssen, liegt bei ihnen dreimal höher als bei Kindern mit deutscher Herkunft – und jeder fünfte Jugendliche mit Migrationshintergrund verlässt die Schule ohne Abschluss.

Typische Geschichte mit untypischem Ausgang

Murat Vural ist in Herne geboren. Sein Vater kam vor 40 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland und arbeitete unter Tage als Zechenarbeiter. Die Mutter war Hausfrau. „Klein-Istanbul“ hieß das Herner Stadtviertel, in dem Murat Vural aufgewachsen ist. Einen Kindergarten hat er nie besucht. Als er in die Schule kam, konnte er kaum Deutsch und verstand die Welt nicht mehr. Aber er war gut in Mathe. „Ich habe dann einen Weg gefunden, mich zu beweisen. Durch die Schule, durch meine Mathekenntnisse. Und das hat gut geklappt“, sagt Murat Vural heute. Schließlich schaffte er es auf das Gymnasium.

Als er 11 Jahre alt war, kehrte die Familie in die Türkei zurück. Auch dort gelang Murat Vural der Sprung auf ein Gymnasium – trotz eines strengen Auswahlverfahrens. Fünf Jahre später kam die Familie wieder zurück nach Deutschland. Seinen Wunsch, Abitur zu machen und zu studieren, musste der Jugendliche gegen die Widerstände der Schulbehörde durchsetzen. Wegen unzureichender Deutschkenntnisse landete er nämlich erst einmal in der 9. Klasse einer Hauptschule. Heute ist der 31-jährige Diplomingenieur und Doktorand für Elektrotechnik an der Ruhruniversität Bochum. Seine Erfahrungen motivierten ihn zur Gründung des Vereins. Dessen Erfolg erklären Murat Vural und seine Mitstreiter mit ihrer Vorbildfunktion: „Die Kinder sehen: Die haben es geschafft, die sind erfolgreich und integriert. Also wenn wir arbeiten und wenn die uns helfen, dann können wir das auch schaffen.“ Dieses Gefühl gibt den Kindern Selbstvertrauen.

Wie alles anfing – Migranten helfen Migranten

Wenn der türkischstämmige Deutsche vom Verein, von „seinen Kindern“ und ihren Erfolgserlebnissen erzählt, merkt man ihm die Begeisterung an. Vor drei Jahren hat alles angefangen – mit einer Idee seiner Schwester: Nachhilfe von Migranten für Migranten. Mitstreiter unter studentischen Freunden waren schnell gefunden, für die ersten Nachhilfestunden stellte eine Moschee ihre Räume zur Verfügung. Mit fünf Betreuern und drei Schülern ging es los, ein halbes Jahr später waren es bereits 40 Schüler. Dann fand sich die erste Schule, die ihnen nachmittags ihre Räume öffnete: die Janusz-Korczak-Gesamtschule in Castrop-Rauxel. Der Verein organisierte Infoabende für Lehrer, Eltern, Schüler und ist mittlerweile an sieben Schulen in Bochum, Castrop-Rauxel und Schwerte aktiv. Mehr als 75 ehrenamtliche Mitarbeiter betreuen rund 200 Kinder.

Nicht nur Arbeit, auch Vergnügen, …

… ein Prinzip, das mit Sicherheit auch zum Erfolg des Projektes beiträgt. „Wir machen nicht nur Hausaufgabenbetreuung, sondern treffen uns mit den Kindern auch in der Freizeit“, erzählt der Diplomingenieur, „wir führen an Wochenenden gemeinsam Veranstaltungen durch – unternehmen etwas, Schlittschuhlaufen, Theaterbesuche, Dinge, die die Kinder mögen. Und dadurch entsteht eine Beziehung.“

Im Vergleich zu kommerziellen Anbietern ist der Förderunterricht des IBFS sehr kostengünstig. Die Eltern zahlen eine Vereinsgebühr von 10 Euro im Monat, dafür gibt es zwölf Stunden Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe. Von dem Geld werden Arbeitsmaterialien angeschafft und Honorarkräfte bezahlt, die beispielsweise Sprachunterricht anbieten. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich.

Als vorbildliches Integrationsprojekt wurde der Verein bereits mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt den „Start social“-Preis und wurde bei der Aktion „Deutschland – Land der Ideen“ geehrt. Vereinsgründer Murat Vurat wurde von der Organisation Ashoka zum „Sozialunternehmer Deutschlands“ gekürt.

Schüler helfen Schülern

Murat Vural mit zwei Schülerinnen beim Lernen; Rechte WDR (TV-Bild)Ein weiteres Projekt ist auf den Weg gebracht, das die Idee des Engagements in die nächste Generation weiterträgt: „Schüler helfen Schülern“. Die Älteren helfen Jüngeren, als Gegenleistung erhalten sie Unterstützung bei der Abschlussprüfung oder den Abiturvorbereitungen.

Und weil sich der Verein jetzt auch verstärkt für andere Nationalitäten öffnen und das Modell auch auf deutsche Kinder bildungsferner Schichten übertragen möchte, freut man sich über jede Verstärkung im Team. Wer sich die Arbeit mit den Schülern zutraut, ist herzlich willkommen.

 
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