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Tutorensystem aus dem Ruhrgebiet macht in Bremen Schule Print E-mail
Freitag, 28 Mai 2010
logo_brescheBremen. Wenn Murat Vural bei Elternabenden spricht, hören Väter und Mütter ihm anders zu als Lehrer. Der Vorsitzende des Bildungs- und Fördervereins für Schüler und Studenten (IBFS) ist ein türkischstämmiger Elektroingenieur. Er möchte Kindern Bildung ermöglichen. Nahezu kostenlos, nach einem Tutorensystem. An der Gesamtschule Ost ist der Verein jetzt erstmals außerhalb von Nordrhein-Westfalen aktiv. Mit Unterstützung der Bremer Stiftung Bresche.

Das inzwischen bundesweit angesehene Projekt von Murat Vural ist im Ruhrgebiet in sieben Schulen in fünf Städten erfolgreich. In Bremen hat ein Modellversuch an der Gesamtschule Ost begonnen. Das System, nach dem die Hilfe funktioniert, basiert auf dem Motto 'Schüler und Studenten helfen Schülern'. Studenten nämlich geben Oberstufenschülern Intensivunterricht in Mathematik und Englisch. Als Gegenleistung dafür betreuen die Schüler wiederum Jüngere bei den Hausaufgaben. Die Unterstufenschüler zahlen dafür einen Mitgliedsbeitrag an den Verein von monatlich zehn Euro. Sie können bis zu 16 Stunden Hausaufgabenbetreuung dafür bekommen. Von dem Geld werden wiederum die Honorarkräfte bezahlt.

Probleme mit wenigen Mitteln lösen

'Das Projekt arbeitet mit Vorbildern', sagt Florian Wolff, Geschäftsführer der Bremer Stiftung bresche (Bremer Stiftung für Caritas und Hilfe in der Entwicklung). Die Stiftung hat einen Partner gesucht, der in einem Bildungsprojekt integrativ arbeitet. So haben sich bresche und IBFS in der Hansestadt zusammengetan. 'Der Verein wollte expandieren. Und wir haben ein bürgerschaftliches Engagement gesucht, das mit wenig Mitteln Probleme löst', sagt Wolff. Mit der Gesamtschule Ost haben die beiden eine Schule für den Start gefunden. Dort werden knapp 30 Oberstufenschüler in Unterrichtsblöcken von Studenten und professionellen Nachhilfelehrern unentgeltlich im Mathe und Englisch gefördert. Sie sollen später nach Einweisung jeweils 90 Minuten pro Woche Unterstufenschüler bei deren Hausaufgaben betreuen.

Als Murat Vural das Förderprojekt vor sechs Jahren auf Anregung seiner Schwester ins Leben rief, hatten die Geschwister persönliche Gründe. In einer deutschen Gastarbeitersiedlung als Kind türkischer Eltern geboren, erlebte der heute 34-Jährige die ersten Grundschuljahre. 'Ich konnte die deutsche Sprache kaum und habe mich deshalb auf Mathematik gestürzt. Da war ich gut.' 1987 zog die Familie in die Türkei zurück. Der Junge besuchte ein naturwissenschaftliches Internat, nahm an Wettbewerben teil und 'hatte Erfolgserlebnisse'. Als seine Eltern dann drei Jahre später erneut nach Deutschland gingen, blieb er zunächst in der Türkei, bevor er folgte. In Deutschland legten ihm Lehrer trotz überragender Zeugnisse aus der Türkei den Hauptschulbesuch nahe. 'Wegen der Sprache.' Der Junge hielt durch, holte das Abitur nach, studierte Elektrotechnik an der Universität Bochum, wo er derzeit an seiner Doktorarbeit schreibt.

'Wir haben uns gefragt: Warum sind an der Universität so wenig Migranten, wenn es doch so viele auf den Straßen gibt?' Die Frage war ausschlaggebend für die Vereinsgründung und das Förderkonzept, nach dem das IBFS-Chancenwerk funktioniert. Mit seinem übertragbaren und nachhaltigen, dabei simplen und leicht zu finanzierenden Konzept erhielt der Ingenieur ein dreijähriges Stipendium der weltweit tätigen Organisation Ashoka, die soziale Aktivitäten nach bestimmten Kriterien unterstützt. Vural konnte damit quasi hauptamtlich für die gute Sache tätig werden. Er sammelte Mitstreiter, Türken, Griechen, Polen, Marokkaner, Deutsche. Er trat an Schulen und Behörden heran, informierte über IBFS und die Ziele, bereitete Studenten und Oberstufenschüler so in Workshops vor, dass diese wiederum mit jüngeren Kindern arbeiten konnten. Etwa 100 Ehrenamtliche verschiedener Nationalitäten sind inzwischen für das Chancenwerk aktiv. Zunächst hauptsächlich für türkischstämmige Schüler gedacht, wandte sich IBFS zunehmend an verschiedene Migrantengruppen und ist inzwischen für alle förderwilligen Schüler offen. 'Die deutsche Sprache ist unsere gemeinsame Sprache', sagt Vural.

Raus aus der Resignation

Ob Eltern anderer Nationalitäten zugänglicher sind, wenn sie in ihrer Sprache angesprochen werden oder 'einen von ihnen' vor sich sehen? 'Vielleicht ist da eine Akzeptanz. Aber dass wir selbst einen Migrantenhintergrund haben, macht die Sache nicht unbedingt einfacher', meint er. Was er indes bei vielen Eltern spürt, ist 'die Resignation, den eigenen Kindern nicht das geben zu können, was sie brauchen'. Bei den Jugendlichen stellt er fest: 'Sie sehen an uns, dass man es schaffen kann.'

Gezielt tritt der Verein an Schulen mit hohem Migrantenanteil heran. 'Das ist eine Strategie- und Ressourcenfrage', sagt der Vereinsgründer. 'Mit unserem Modell können wir eine bestimmte Anzahl Kinder erreichen.' 250 sind es derzeit. Wichtig ist Murat Vural die Nachhaltigkeit: 'Die Kinder, die wir aufgenommen haben, halten wir fest, solange sie wollen.' So wächst im Projekt gerade die erste Oberstufengeneration heran, die in der fünften und sechsten Klasse Hausaufgabenbetreuung erlebt hat. 'Diese Jugendlichen kommen heute auf uns zu und sagen: Gebt uns Aufgaben', freut sich Murat Vural darüber, dass seine Idee Früchte trägt. 'Wir haben Brücken geschlagen zwischen den Institutionen.'

In der Gesamtschule Ost sieht deren Direktor Franz Jentschke die Kooperation als Glücksfall an: 'Wir erhoffen uns viel von dieser Unterstützung durch lebende Vorbilder. Migranten, die es geschafft haben, können am besten motivierend auf die Kinder und die Familien einwirken.' Jentschke betont: 'Es geht nicht nur um schulische Verbesserung, hier werden Lebensperspektiven vermittelt.'

Weitere Informationen gibt es bei Florian Wolff: 0421/1604619 oder per e-mail:florian.wolff@bresche.org

Quelle: www.weser-kurier.de

 
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